Wissen… schafft…

von worduncompress

       Die Wissenschaften haben sich seit dem Beginn der Moderne und der Aufklärung vor drei- bis vierhundert Jahren die größte Mühe gegeben, jegliche Art von innerer und subjektiver Erkenntnis zu vernichten. Wahr darf nur noch sein, was materiell, meßbar, quantifizierbar, objektiv ist.

      Was ist denn aber nun Erkenntnis? Wie kann man überhaupt etwas wissen?
Um etwas zu wissen, muß man sich unter anderem an vergangene Erfahrungen erinnern und sie mit gegenwärtigen Erfahrungen vergleichen können.
Wenn ich dir etwas erzähle, kannst du es glauben oder nicht. Wenn du es glaubst, weißt du es aber dennoch nicht, weil du nicht weißt, ob ich die Wahrheit gesagt, gelogen oder mich geirrt habe.
Der einzige Weg Wissen mitzuteilen, ist durch Injunktion (Vorschrift) oder, wie George Spencer-Brown es ausgedrückt hat, durch Befehl und Betrachtung.

Nimm einen Apfel in die Hand. Laß ihn los. Was passiert? Er fällt nach unten. Wiederhole das Experiment mit verschiedenen Gegenständen. Du wirst feststellen: alles fällt nach unten.
Nun nimm einen Vogel in die Hand und laß ihn los. Was passiert? Wenn du nicht weißt, was ein Vogel ist, wirst du überrascht sein. Genauso überrascht wärst du, wenn du eins der Experimente in einer Raumstation bei Schwerelosigkeit machen würdest.

       Auf dieser empirischen (aus der Erfahrung gewonnenen) Methode beruht ein großer Teil der wissenschaftlichen Erkenntnis. Die empirische Wissenschaft verläßt sich nur auf sinnlich wahrnehmbare Beobachtungen materieller Vorgänge, die von jedem anderen wiederholt und dadurch bestätigt werden können. Während die Wissenschaftler Naturgesetze aus ihren gemeinsamen Beobachtungen formulieren, vergessen viele von ihnen, daß sie diese Gesetzmäßigkeiten auf einer nicht-materiellen, nicht beobachtbaren Grundlage aufbauen. Kein Mensch hat bisher Variablen (Zahlen), Operatoren (+, -, *, /, =) oder Gleichungen in der materiellen Welt mit seinen Sinnen beobachten können.

       Die extreme Variante der sogenannten Postmoderne dagegen führt sich selbst damit ad absurdum, als sie behauptet, es gäbe überhaupt keine Wahrheit, sondern nur (Be)-Deutung, Interpretation. Wenn diese Aussage wahr ist, dann ist sie falsch.
Nicht weniger paradox ist jedoch die Auffassung der Empiriker, wenn sie behaupten, daß nur wahr sein könne, was empirisch (im engen Sinne) beweisbar sei. Es ist bisher noch niemandem gelungen, in der beobachtbaren materiellen Welt so etwas wie Wahrheit festzustellen. Somit kann weder einer linguistischen Aussage, noch einer mathematischen Formel ein materieller Wahrheitswert zugeordnet werden. Auch wenn der Verstand sehr gut in der Lage ist, objektive Abstraktionen der wirklichen, materiellen Welt herzustellen, sind Mathematik, Logik, Linguistik etc. keine Bestandteile der materiellen Welt, sondern der nicht-materiellen Welt des Verstandes.
Um es auf die Spitze zu treiben: da noch kein »Wissen«schaftler jemals »Wissen« angefaßt hat, müßte das Wort »Wissen« aus der Bezeichnung empirische »Wissen«schaft gestrichen werden.

       Schon Euklid hat vor über 2300 Jahren eindrucksvoll gezeigt, daß man in diesem nicht-materiellen Bereich des Verstandes etwas genauso sicher wissen kann, wie im materiellen.
Eine Primzahl ist eine natürliche Zahl, die nur durch sich selbst oder durch eins ohne Rest teilbar ist. Die ersten Primzahlen sind 2, 3, 5, 7, 11… Je größer die Primzahlen werden, desto seltener werden sie. Man kann sich nun fragen, gibt es unendlich viele Primzahlen oder hören sie irgendwann auf? Ich kann es dir sagen, dann wirst du es aber nicht wissen. Wenn du jedoch die Injunktion von Euklid befolgst, wirst du es wissen, ohne daß ich es dir gesagt habe.

Befehl 1: Nimm an, es gäbe eine größte Primzahl P.
Betrachtung1: Um es einfach zu machen nehmen wir die 5.
Befehl 2: Multipliziere alle Primzahlen von 2 bis P. Nenne diese Zahl Q.
Betrachtung 2: Q=2*3*5=30. Offenbar läßt sich diese Zahl ohne Rest durch alle Primzahlen von 2 bis P teilen.
Befehl 3: Addiere 1 zu Q.
Betrachtung 3: Diese Zahl, Q+1=31, läßt sich nicht durch eine der Primzahlen von 2 bis P teilen, ohne daß ein Rest von 1 bleibt.
Also ist Q+1 entweder selbst eine Primzahl oder durch eine Primzahl teilbar, die nicht in der Menge von 2 bis P enthalten ist, von der wir annahmen, daß es alle Primzahlen seien.
Wenn wir aus jeder endlichen Menge von Primzahlen nach dieser Vorschrift immer eine neue Primzahl erzeugen können, die in der ursprünglichen Menge nicht enthalten war, dann…

       Viele Wissenschaftler sind ja inzwischen bereit, Wissen im Bereich des Verstandes zu akzeptieren, auch wenn es nicht empirisch (im engen Sinne) verifizierbar ist, doch empirisch heißt aus Erfahrung und wenn du den Anweisungen gefolgt bist, hat du eine Erfahrung gemacht.

       Der Bereich des Geistes jedoch wird von der Wissenschaft noch fast völlig ignoriert. Wenn die Materie die eine Seite der Medaille ist, dann ist der Geist (spirit) die andere Seite. Nicht zu verwechseln mit dem Geist / Verstand (mind) (den geistigen Fähigkeiten), der irgendwo dazwischen liegt.

       Dabei ist es nicht schwieriger, Wissen im Bereich des Geistes zu erwerben, als im Bereich des Verstandes, wie Buddha vor über 2500 Jahren mit folgender Injunktion gezeigt hat:

Betrachte alles und sage dir von allem: »Dies ist vergänglich.«

      Diese Anweisung ist dem wissenschaftlichen Verstand viel zu »esoterisch«, suspekt, um es überhaupt in Erwägung zu ziehen, ihr Folge zu leisten. Grade weil ich wissenschaftlich ausgebildet wurde, empfinde ich es als riesengroße Dummheit der Wissenschaften, dieses Angebot auszuschlagen.
Für unsere heutige Zeit ist es wohl angebracht, die Instruktionen etwas zu verfeinern. Etwas schwieriger zu beschreiben, als eine Injunktion für den Bereich der Materie oder des Verstandes, da der Geist jenseits des Verstandes liegt. Der Verstand ist jedoch die einzige Instanz, die Beschreibungen anfertigen kann. Weder Materie noch Geist kennen Wörter, Symbole oder Bedeutungen und die Naturwissenschaften haben sich seit über 300 Jahren nur auf den materiellen Bereich konzentriert, sodaß der Geist fast völlig vergessen wurde.

       Diese Beschreibung kann naturgemäß nicht so präzise sein, wie die Anleitung zu den Primzahlen, da der Geist nicht den Regeln des logischen Verstandes gehorcht und auch mit Hilfe der Sprache nicht zu erklären ist.

1. Sorge dafür, daß du für mindestens 10 Minuten ungestört bist, nicht von Geräuschen abgelenkt wirst. Setze oder lege dich bequem hin und schließe die Augen. Damit reduzierst du die Sinneswahrnehmungen soweit, daß sie deine Aufmerksamkeit nicht ablenken.
2. Beobachte deine Gedanken. Du kannst dich gelegentlich fragen: »Wer bin ich?« oder »Wo kommen meine Gedanken her?« Sei dir bewußt, daß das Gedanken sind. Beobachte sie. Achte auf die Form der Gedanken, nicht auf den Inhalt. Form bedeutet: sind es Bilder, Töne / Worte, Gefühle, sind sie groß oder klein, laut oder leise, stark oder schwach, wo kommen sie her, wo gehen sie hin, treten sie einzeln auf oder in Gruppen, sind Lücken dazwischen…
Achte besonders auf die Lücken, Pausen, Löcher, Zwischenräume.
3. Nachdem du im ersten Schritt die Aufmerksamkeit von den materiellen Sinnen abgezogen hast und im zweiten auf die Gedanken gerichtet hast, ziehe nun deine Aufmerksamkeit von den Gedanken ab und richte sie auf das, was keine Sinneswahrnehmungen und keine Gedanken sind.
Was ist das da zwischen, hinter den Gedanken?

      Das ist natürlich nur ein Anfang… wenn du das Auge des Geistes noch nie vorher geöffnet hast… laß dich nicht entmutigen… wiederhole diese Übung mindestens einmal täglich, bis du beginnst zu »sehen«…
… und solange du das Experiment nicht selbst durchgeführt und Erfahrungen damit gesammelt hast, hast du keinen Grund, dich über andere lustig zu machen, die es getan haben.

Es ist nicht nötig, irgendetwas zu glauben, wenn man wissen kann…

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