Einige Gedanken zum Denken

von worduncompress

   Was ist Denken? Gehen uns Bilder, Klänge / gesprochene Worte, Gefühle oder eine Mischung davon durch den Kopf oder auch noch etwas anderes?
Ist Denken logisch oder intuitiv? Das Erinnern vergangener oder das Vorstellen zukünftiger Ereignisse? Der Vergleich erinnerter Erfahrung mit gegenwärtiger? Die bloße Verarbeitung von Sinneswahrnehmungen? Beinhaltet das Verarbeiten nur die Repräsentation oder auch erkennen, vergleichen, bewerten und entscheiden?
Ist Denken bewußt, unbewußt oder beides?

   Hat nicht dieses ominöse »ich selbst«, das sich einbildet von »dem anderen« getrennt zu sein, auch die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit zu lenken, den Gedanken eine Richtung zu geben? Hat Denken ohne den Denker eine Richtung, ein Ziel, eine Absicht?
Ist Denken irgendetwas von alledem oder eine Kombination davon oder etwas völlig anderes?

   Was ist dieses »ich«? Ist es das, was die Gedanken erzeugt oder lenkt es sie nur? Denken wir uns das Wesen eines Menschen aus drei Teilen bestehend: ein niederes, materielles Selbst, ein mittleres vermittelndes, bewußtes Selbst und ein höheres, geistiges Selbst. Die Bezeichnungen höher und nieder und auch die Reihenfolge stellen keine Wertung dar, sie dienen nur dazu, die Betrachtung zu erleichtern.
Das niedere Selbst wird etwas unglücklich auch als Unterbewußtsein bezeichnet, dabei ist es nicht »unter« sondern eher unbewußt, was auch auf das höhere Selbst zutrifft. Daher könnte man es als persönliches Unbewußtes bezeichnen, im Gegensatz zum kollektiven Unbewußten, dem höheren Selbst. Das Wort Gegensatz ist insofern irreführend, als es sich nicht um das Gegenteil, sondern die Ergänzung handelt.

   Tatsächlich gibt es keinen Teil von uns, der Unbewußtes genannt werden könnte. Den Teil des Kósmos, der uns grade nicht bewußt ist, können wir uns als dunklen Raum vorstellen und das Bewußtsein, als den Lichtkegel einer Taschenlampe. Wenn wir den Lichtkegel ganz weit stellen, können wir sehen, daß der Raum riesengroß ist, ohne dabei aber Details erkennen zu können. Wenn wir ihn eng einstellen, erkennen wir einen winzigen Teil sehr genau und können nacheinander jeden Teil des Raumes betrachten, verlieren dafür jedoch den Überblick über die Weitläufigkeit des gesamtem Raumes.
Es ist nur eine nützliche Vereinbarung, das, was grade nicht wahrgenommen wird, unbewußt zu nennen. Alles, was wahrgenommen werden kann, kann auch bewußt sein. Das einzige, was niemals wahrgenommen werden kann, ist das Wahrnehmende selbst. Die Taschenlampe kann sich nicht selbst beleuchten, zumindest nicht direkt.

   Den drei Anteilen des Selbst sind nun verschiedene Arten des Denkens zu eigen. Alle drei verwenden unter anderem Sinnesinformationen (Bilder, Töne/Wörter, Gefühle). Das mittlere Selbst benutzt vorwiegend Sprache und weniger Bilder und Gefühle, die beiden anderen weniger Sprache und mehr Bilder und Gefühle. Jedes der drei Teile geht nach seiner eigenen Logik vor, die den anderen Teilen häufig nicht bekannt ist. Das Gedächtnis ist eine Funktion des niederen Selbst; auswählen, eine Entscheidung treffen, eine Richtung bestimmen ist die Hauptfunktion des mittleren Selbst und das höhere Selbst ist für Intuition und Inspiration zuständig.

   Es lassen sich zwei grundsätzlich verschiedene Arten von Denken unterscheiden:
Einerseits das wissenschaftliche, logische, analytische, lineare, zielgerichtete Denken.
Es beschreibt die Welt in Form von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen, stellt Regeln und Kategorien auf, führt zu Ja-Nein-Entscheidungen und wird schwarz-weiß-Denken genannt.
Die konsequente, einseitige Anwendung dieses Denkens führt häufig zu so unerfreulichen Eigenschaften wie Gier, Geiz, Neid, Ignoranz, Intoleranz, Falschheit, Täuschung und damit zu Angst, Unsicherheit, Verwirrungen und Depressionen und vielem mehr…
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Und andrerseits das kybernetische, intuitive, synthetische, komplexe, ökologisch-natürliche Denken.
Es beachtet den Kontext, sieht die Welt holistisch in Regelkreisen und Beziehungen, optimiert Entscheidungen rekursiv und macht die Welt bunt.
Diese Denkweise fördert, im Gegensatz zum schnellen, fortschrittlichen, zerstörerischen, wissenschaftlichen Denken, eine langsame, friedliche, ökologische, natürliche Evolution.

   Die Sprache formt das Denken. Das Denken bestimmt unser Weltbild. Unsere Wahrnehmung der Welt wird von Vorstellungen beeinflußt, die uns das sprachliche Denken suggeriert.
Die Wahrnehmung von Farben beispielsweise wird durch die kulturell gebräuchlichen Begriffe für Farben bestimmt. So können Angehörige einer bestimmten Sprache, die nur drei Farbwörter enthält nicht mehr als drei Farben erkennen, auch wenn sie sie sehen können, wenn sie darauf aufmerksam gemacht werden. Farben für die keine entsprechenden Wörter, d.h. Kategorien existieren, werden gewohnheitsmäßig nicht unterschieden und damit nicht wahrgenommen bzw. erkannt.
Die Inuit haben über hundert verschiedene Worte für Schnee, eine für sie nützliche Einrichtung, die für einen Bewohner der Malediven völlig überflüssig ist.
Die Sprache der Aborigines hat keine relativen Raumausdrücke wie rechts und links. Sie beziehen alle Ortsangaben auf die Himmelsrichtungen und können sich damit besser im Raum orientieren als wir.

   „Wir sagen »Sieh die Welle« nach dem gleichen Satzschema wie »Sieh das Haus«. Ohne die Projektion der Sprache hat aber noch nie jemand eine einzelne Welle gesehen. Wir sehen eine Oberfläche mit wechselnden wellenförmigen Bewegungen. Manche Sprachen können »eine Welle« gar nicht sagen. Sie sind in dieser Hinsicht der Wirklichkeit näher. Ein Hopi sagt walalata, »mehrfaches Wogen ereignet sich«, und er kann die Aufmerksamkeit ebensogut auf eine Stelle in dem Wogen lenken wie wir. Da es in Wirklichkeit eine Welle für sich allein nicht gibt, ist die Form wala, die unserem Singular korrespondiert, dem englischen »a wave« nicht äquivalent, sondern bedeutet »ein plötzliches Schwanken ereignet sich«, wie es bei einer Flüssigkeit in einem Gefäß der Fall ist, das plötzlich erschüttert wird…
Meinen Sie nicht auch, es sei durchaus möglich, daß Wissenschaftler, ebenso wie [wir übrigen], unbemerkt die Strukturschemata eines partikulären Sprachtyps auf das Universum projizieren und sie dort, auf dem Antlitz der Natur, sehen?“
(Benjamin Lee Whorf, Language, Thought and Reality,1956)

   Das Denken ist die Ursache von Dualität, Selbsttäuschung und Sklaverei. Das bedeutet natürlich nicht, daß wir aufhören sollten zu denken. Wir wollen ja nicht wieder in der Steinzeit leben. Wenn wir unser Bewußtsein nur auf das Denken richten, können wir nur die Landkarte erkennen. Ich persönlich ziehe es vor, mir das Essen schmecken zu lassen, anstatt die Speisekarte zu essen. Wir müssen wieder lernen die Wirklichkeit direkt zu erkennen, ohne den Filter des Denkens.

   „Man muß hierbei sich daran erinnern, daß die ganze Vorstellungswelt in ihrer Gesamtheit nicht die Bestimmung hat, ein Abbild der Wirklichkeit zu sein – es ist dies eine ganz unmögliche Aufgabe – sondern ein Instrument, um sich leichter in derselben zu orientieren.“
(Hans Vaihinger, Die Philosophie des Als Ob, 1927)

   „… wichtige Charakteristika von Karten sollten festgestellt werden. Eine Landkarte ist nicht das Gebiet, das sie darstellt, sondern hat, wenn sie genau ist, eine dem Gebiet ähnliche Struktur, worin ihre Brauchbarkeit begründet ist…“
(Alfred Korzybski, Science and Sanitiy, 1933)

   Die Landkarte ist nicht das Territorium. Auch alle diese Gedanken können ihrer Natur nach das Thema nicht vollständig beschreiben, sie sollen nur das Denken anregen.

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