Warum die Religionen nicht aussterben werden

von worduncompress

       Die Entwicklungsgeschichte der Gesamtheit aller Lebewesen auf der Erde, vom Einzeller über Mehrzeller (Pflanzen und Pilze nicht zu vergessen), wirbellose Tiere, Wirbeltiere bis zu den Säugetieren, wird Phylogenese genannt.

      Die Ontogenese des Menschen, die Entwicklungsgeschichte eines einzelnen Menschen, wiederholt in jedem einzelnen Individuum mehr oder weniger die gleichen Schritte wie die Phylogenese: von einer einzelnen Zelle über ein mehrzelliges Embyonalstadium, Kiemen, Flossen, Schwanz, die sich wieder zurückbilden, Wirbelsäule, Hirnstamm, limbisches System, Großhirn bis zum voll ausgebildeten menschlichen Körper. Bei anderen Lebewesen endet die Entwicklung auf der Stufe, die die Art insgesamt erreicht hat.

      Phylogenese und Ontogenese beschreiben aber nur die äußere, physische, materielle Entwicklung des Lebens. Auch wenn überwiegend mit äußeren Begriffen beschrieben, findet parallel dazu eine innere, psychische, geistige Entwicklung statt:

      Die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, vom aufrechten Gang, Jäger und Sammler (archaisch), Werkzeuggebrauch und Sprache, Gartenbaugesell-schaften (magisch), Schrift und Technologie, Ackerbaukulturen (mythisch) bis zur Industriegesellschaft (mental-rational) und ähnlich den Parallelen der Phylogenese und der Ontogenese, die Entwicklung des einzelnen Menschen von der Geburt, Krabbelphase, Spracherwerb, Rollenverhalten bis zum logischen Denken (wenn’s gut läuft).

      Diese vier Entwicklungsstränge (Phylogenese, kollektiv, außen; Ontogenese, individuell, außen; Menschheit, kollektiv, innen; Mensch, individuell, innen) finden sich in allem, was zum uns bekannten Universum gehört. Eine Stufe folgt der anderen. Es kann keine Stufe ausgelassen oder übersprungen werden. Obwohl man nicht Meister auf jeder Stufe werden muß, sind die Grundlagen jeder Stufe zwingend erforderlich, um die nächste Stufe zu erreichen.

Die innere Entwicklung der Menschheit (stark vereinfacht):
….Vor der mythischen Stufe, die vor etwa 3000 Jahren begann (mit ersten Anfängen vor 5000 Jahren), gab es das Selbst-Bewußtsein, daß für uns heute selbstverständlich ist, noch nicht.
….Zu archaischen Zeiten war die Welt pantheistisch, die Natur war identisch mit Gott, der Mensch empfand sich nicht als getrennt, als Teil der Natur, er war Natur selbst.
….Als der Mensch in magischer Zeit begann seßhaft zu werden, die Anfänge einer Kultur entstanden, empfand er erstmals einen Unterschied zwischen sich und der Natur, aber noch nicht als Individuum, er war nicht getrennt, nicht Teil vom Stamm, er war der Stamm, die Familie, der Clan zu dem er gehörte. In den Gartenbaugesellschaften haben die Frauen den Boden mit der Hacke bearbeitet, während die Männer jagen gingen. Das Matriarchat entstand und mit den Muttergöttinnen der Polytheismus.
….Das änderte sich zu Beginn der mythischen Zeit mit dem Aufkommen des Pfluges. Die schwere Arbeit des Ackerbaus führte zu häufigen Fehlgeburten, sodaß die Männer diese Arbeit übernehmen mußten. Das Patriarchat entstand und mit ihm der Monotheismus und das Bewußtsein eines einzigen Gottes da draußen und eines getrennten Selbst hier drinnen.
….Seit dem Beginn der Industrialisierung vor etwa 400 Jahren wird der Monotheismus langsam vom Atheismus abgelöst. Entgegen weitverbreiteter Annahmen ist der Atheismus kein Nicht-Glaube, sondern der Glaube an Nicht-Gott, so wie die vorgenannten Theismen Glauben an Gott, Götter oder Natur waren.
….Um diesem Dilemma zu entgehen, wurde später der Agnostizismus erfunden, der besagt, daß man nicht wissen kann, ob es soetwas wie Gott (sei es als Natur, Götter und Göttinnen, einen Gott oder Nicht-Gott) gibt oder nicht gibt.

Die innere Entwicklung des Menschen folgt dem gleichen Schema:
….Im Mutterleib und im ersten Lebensjahr empfindet sich das neue Wesen nicht als ein von der Welt getrenntes Subjekt, sondern als integraler Bestandteil der Mutter, einschließlich der gesamten Umgebung (archaisch). Erst langsam fängt es an, Teile der Umgebung als von sich selbst getrennte Objekte wahrzunehmen. Während es gehen und sprechen lernt, beginnt es, sich von der entfernteren, noch unbekannten Umwelt als getrennt zu empfinden. Die innige Verbindung mit der Mutter und der bekannten Umgebung bleibt nach wie vor noch erhalten (magisch). In der Kindergartenphase beginnt sich ein erstes Bewußtsein eines rudimentären Selbst zu entwickeln, das sich mehr und mehr als getrennt von der Umwelt wahrnimmt (mythisch) und bis zum Beginn der Pubertät zum rationalen Selbst-Bewußtsein heranreift. Die weitere Entwicklung des sich auch noch als vom Körper getrennt empfindenden Ich-Bewußstseins und des sexuellen Rollenverhaltens bis zum Erwachsenenalter dürfte dem Leser noch gut in Erinnerung sein.

      Die archaische und den größten Teil der magischen Ebene kann man auch als egozentisch bezeichnen. Die mythische und einen Teil der rationalen Ebene als ethnozentrisch oder nationalistisch. Erst die höhere rationale und die darüber hinausgehenden pluralistischen, holistischen, unitären Ebenen haben einen Sinn für weltzentrische Gedanken. Es hängt also alles daran, ob ein ausreichend großer Teil der Menschheit rechtzeitig eine weltzentrische Sicht erreicht, bevor wir uns auf Grund egozentrischer und nationalistischer Weltbilder selbst zerstören.

      Unabhängig davon, wie der gegenwärtige Entwicklungsstand der Weltbevölkerung aussieht: wenn man grob vereinfachend davon ausgeht, daß alle Menschen ca. 80 Jahre alt werden, dann wird sich zu jeder Zeit rund ein Viertel, das der 0- bis 20-jährigen, auf einer theistischen Entwicklungsstufe befinden. Keine der Entwicklungsstufen kann übersprungen werden, wenn die nächste erreicht werden soll, daher können die Religionen niemals aussterben.
Zur Zeit sieht es so aus, als ob sich ein großer Teil der Menschheit in ihrem bisherigen Leben (auch wenn sie schon über 60 oder 70 sind) noch nicht über die mythische Stufe hinaus entwickelt hat.

      An den Religionen an und für sich ist nichts weiter tragisch, schlimm ist nur, was Kirchen, Fundamentalisten und ReGIERungen daraus gemacht haben. Machtpolitik ist ein Kennzeichen der mythischen Entwicklungsstufe.
Der Glaube der mythischen Ebene ist heutzutage für den erwachsenen Menschen überholt. Er muß durch Wissen, durch Erkenntnis abgelöst werden. Die gegenwärtige Wissenschaft jedoch ist im Glauben an die Rationalität und an Nicht-Gott steckengeblieben und verhindert dadurch jegliche spirituelle Erfahrung, die uns den tieferen, verborgenen Sinn der Religionen aufzeigen könnte.

      Neben den Ebenen gibt es noch verschiedene Entwicklungslinien, wie z.B. kognitiv, emotional, ethisch, spirituell. Die Entwicklung in den einzelnen Linien erfolgt zwar streng hierarchisch, wie oben beschrieben kann keine Ebene übersprungen werden, aber nicht synchron in allen Linien. Wo die Entwicklung in einer Linie schon über die rationale Ebene hinaus gegangen ist, kann sie sich in anderen Linien noch auf der magischen oder mythischen Stufe befinden.

      Ein Mensch, der sich kognitiv auf der rationalen Ebene befindet und ethisch auf der mythischen, kann zwar verstehen, daß Atomwaffen alle Menschen bedrohen, wird aber nicht zögern, sie einzusetzen, um seinen eigenen Stamm zu schützen, ohne Rücksicht darauf, daß er damit die gesamte Menschheit in Grund und Boden bombt.

„Subjektive Religion und unpersönliche Wissenschaft sind Komponenten des sozialen Entwicklungsprozesses der Vergangenheit und stehen im Gegensatz zu der umfassenden unitären Überzeugung, die aus ihnen hervorwächst. Die unitäre Lebensform läßt sich nicht mit den unvollständigen Begriffen einer dissoziierten Kultur darstellen. Sie ist keine Religion, denn sie beruht auf den sozial anerkannten wissenschaftlichen Erkenntnissen; sie sucht oder verheißt nicht Ewigkeit. Sie ist keine objektive Wissenschaft, die unbekümmert um ihren Einfluß auf das Leben arbeitet, denn sie ist eins mit Fühlen und Handeln; ihr Kriterium ist nicht neutrale Objektivität, sondern Entwicklung des Lebens durch Erkenntnis der Wahrheit. Die unitäre Form geht über die Formen der dissoziierten und der wenig differenzierten Gesellschaften hinaus. Der Drang des Menschen nach Einheit erschuf zuerst die subjektive Religion, dann die objektive analytische Wissenschaft; jetzt korrigiert er die Einseitigkeit dieser Haltungen und ersetzt sie durch eine einzige vollständige Lehre.“ (Lancelot Law Whyte, Die nächste Stufe der Menschheit, 1946)

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